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Die Schizophrenie der Sklaverei

Gestern Abend gewann “12 Years A Slave” den BAFTA für “Besten Film”. Nach dem Gewinn des Golden Globes für “Bestes Drama” kann man das Werk von Steve McQueen getrost als Favoriten für die kommenden Oscars bezeichnen. Unser Autor Andrin Eichin hat den Film gesehen.

Nach „Hunger“ und „Shame“ gelingt Steve McQueen erneut ein grosser Film. „12 Years A Slave“ ist anders als das bisherige Werk des Briten; aber nicht minder beeindruckend.

Es wurde viel erwartet von „12 Years A Slave“. Einerseits vom Regisseur Steve McQueen, der mit verstörenden und kraftvollen Eindrücken in „Shame“ und „Hunger“ bereits bewies, wie unerbittlich er seine Filme umzusetzen weiss und andererseits von Michael Fassbender, der in seiner bisherigen Zusammenarbeit mit McQueen überragende Schauspielleistungen zeigte. Um es vorweg zu nehmen, sowohl McQueen als auch Fassbender werden den Erwartungen gerecht. Mit kalten Bildern und langen Plansequenzen zeichnet McQueen die Südstaaten-Realität in der Mitte des 19. Jahrhunderts nach und weckt im Zuschauer ein durchdringendes Gefühl der Unbehaglichkeit, die Lust wegzuschauen. Und trotzdem kann man den Blick nicht abwenden. Man bleibt vom intensiven, oftmals brutalen Ausdruck der Bilder gefesselt. Dies hat auch mit eindrücklichen Schauspielleistungen zu tun, die den Bilder McQueens oftmals ihre Eindringlichkeit erst verleihen. Überragend, einmal mehr, ist Michael Fassbender, der als Plantagenbesitzer Edwin Epps den Irrsinn und die Schizophrenie der Sklaverei in beängstigender Art und Weise verkörpert.

Aber um zum Film zu kommen: Im Zentrum steht die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte von Solomon Northup (überwältigend: Chiwetel Ejiofor), der 1841 als freier, schwarzer Bürger aus den Nordstaaten entführt und im Süden versklavt wird. Dem Film gelingt es, mit subtilen Mitteln, den Zuschauer in das schier unerträgliche Dilemma des Versklavten, die Wahl zwischen Aufbegehren und bedingungslosen Unterwerfen, zwischen Tod und Überleben, einzubeziehen. Und als auf dem Sklavenmarkt von New Orleans auch Solomon, der inzwischen in Platt umbenannt worden ist, zu begreifen beginnt, dass ihm – entgegen seinem ersten Impuls – nur die bedingungslose Akzeptanz des Systems das Überleben sichern wird, erschrickt man als Zuschauer und erkennt zum ersten Mal das gesamte Ausmass dieser Perversion, die sich nur durch diese Instrumentalisierung der Sklaven selbst aufrechterhalten kann.

Die unglaubliche Stärke des Films liegt in den Momenten, in denen McQueen bewusst die unterschwellige Akzeptanz der Sklavensystems bricht und sowohl Zuschauer als auch Figuren, die Fragilität und Monstrosität des gesamten Konstrukts vor Augen führt. Mehrere Szenen dienen dazu. Besonders eindrücklich ist jedoch ein Dialog zwischen Platt und seiner Mitsklavin Eliza (Adepero Uduye), der vorführt warum Menschen wie ihr erster Besitzer, der „gütige“ Plantagenbesitzer Ford (Benedict Cumberbatch), die schlimmsten aller Sklavenhalter sind.

Nach einem Aufbegehren gegen den sadistischen Aufseher Tibeats (Paul Dano) entkommt Platt nur knapp dem Strick und wird von seinem Besitzer Ford an den notorischen Sklavenschinder Edwin Epps verkauft. Auf Epps Plantagen trifft Platt auf die Baumwollpflückerin Patsey (mit der vielleicht eindrücklichsten Leistung: Lupita Nyongo’o), an welcher sich Epps gesamter Irrsinn manifestiert. Nach Jahren des Leidens findet Platt dank der Hilfe des kanadischen Abolitionisten Bass (Brad Pitt) seine Freiheit und seinen Namen – Solomon Northup – wieder.

Wie bereits in „Hunger“ und „Shame“ kreiert McQueen in seinem Film ein Netz von psychologischen Abgründen und moralischen Dilemmas, das durch die unglaubliche schauspielerische Wucht von Fassbender, Ejiofor und Nyongo’o ausgefüllt wird. McQueen lässt seinen Schauspieler viel Platz zur Entwicklung ihrer Figuren, was den meisten Charakteren (eine Ausnahme bildet Pitt’s Samuel Bass) eine eindringliche Präsenz verleiht.

Im Gegensatz zu „Hunger“, in dem sich das tonangebenden moralische Dilemma zwischen Bobby Sands und Vater Moran schlussendlich als Interpretationssache entpuppt, bietet der Wille zum Überleben im System der Sklaverei keine Alternative. Wer durchkommen will, muss sich unterwerfen. Dieser Film zeigt uns mit Solomon/Platt einen Zerrissenen, einen, der sich unterworfen hat, der jedoch nie ganz gebrochen werden konnte. Hier findet sich der Gegensatz zu McQueens bisherigen Filmen. Das Bild des gebrochenen Menschen, des gebrochenen Sklaven darf (in Hollywood) nicht gezeigt werden, Solomon Northup muss einer von uns sein. Die Realität sieht jedoch anders aus. Gerade deshalb ist es wichtig, den Film im Kontext der Millionen von Menschen zu sehen, welche der Sklaverei nicht mal in Gedanken entkommen konnten und dadurch gebrochen wurden. Erst dann entfaltet der Film seine gesamte Wirkung.

12 Years A Slave

Regie: Steve McQueen

Drehbuch: John Ridley

Darsteller: Chiwetel Ejiofor, Lupita Nyongo’o, Michael Fassbender, Brad Pitt

Jahr: 2013

Dauer: 134 Minuten

“12 Years A Slave” läuft bereits in Schweizer Kinos. 

2 Responses to “Die Schizophrenie der Sklaverei”

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