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Im Junkie steckt ein kleiner Junge

Seit gestern läuft der nächste Schweizer Film im Kino: “Der Goalie bin ig”, die Verfilmung des Romans von Pedro Lenz. Unsere Gastautorin Katja Morand hat ihn bereits gesehen.

Der Held eines Filmes ist manchmal derjenige, von dem man nichts erwartet. Der Goalie ist so einer, der nichts tut, zumindest nicht mit böser Absicht. Als der Staubsauger zu Beginn von Sabines Boss’ Romanverfilmung „Der Goalie bin ig“ den Geist aufgibt, wird schnell klar: Hier läuft für den Protagonisten von Anfang an alles schief. Die erste von vielen Rückblenden folgt nach wenigen Minuten: Ein Junkie in den 80er Jahren, von allen nur „Goalie“ genannt, steigt aus naiver Gutmütigkeit in sein Auto, um in Frankreich an Stelle seines besten Freundes Drogen zu verkaufen. Nach einem einjährigen Gefängnisaufenthalt kehrt er in sein altes Leben zurück, in die selbe Beiz mit den selben Freunden. Sein Umfeld steht still; nur er will sich verändern, verbessern, wie er meint. Ein neuer Job ist schnell gefunden und eine neue Flamme auch: Regi, die unschuldige Kellnerin, die in Goalies Augen den falschen Partner hat.

Der Goalie, dieser raue Typ mit dem markanten, leicht verzerrtem Gesicht, dem der Tabak aus den Zähnen, der Strassendreck von den Haarspitzen und Fingernägeln hängt, führt mit beruhigender Stimme und kindlicher Leichtgläubigkeit durch den Film. Genau dieser Gegensatz ist es, der den Goalie zum Sympathieträger macht. Der Loser, dem nichts vergönnt wird, der Sündenbock, der für seine Freunde immer gerade stehen wird, weil er ein lieber Kerl ist. Den Filmemachern ist es gelungen, einen gestandenen Mann von ca. 50 Jahren niedlich wirken zu lassen, in dem sie ihn Handlungen ausführen lassen, die man sonst nur von Kindern kennt. Das Geld aus dem Drogenverkauf, immerhin 5000 Franken, werden, als die Haustür klingelt, getreu der Logik „wenn ich es jetzt nicht sehe, sieht es niemand“ unter, statt im Umschlag versteckt. Nicht einmal die unzähligen Beleidigungen wirken unanständig, Pedro Lenz Vorlage und seine Mitarbeit am Drehbuch sind deutlich wiedererkennbar. Die Worte wurden sorgfältig ausgewählt und sind auf die einzelnen Charaktere zugeschnitten. Dass ein Banker wie ein Banker und ein Junkie wie ein Junkie reden muss, erklärte Pedro Lenz bereits bei der Filmpremiere an den Solothurner Filmtagen.

„Wieso wehrsch di de nid?“, fragt Regi. Weil er lieber zu sich selber schauen möchte, anstatt anderen das Leben unnötig schwer zu machen. Dies tut er aber zum Glück nicht etwa auf eine scheinheilige oder predigende Art, sondern auf seine Ex-Junkie Art eben, mit Ecken und Kanten, mit müdem Hundeblick und Sehnsucht in der Stimme. Der liebendwerte Aussenseiter der Gesellschaft im Mikrokosmos namens Schummertal wird seinen Platz im Leben nie finden. Solange er seinen gutgemeinten Prinzipien treu bleiben kann, kommt er allerdings einigermassen klar.

Das Gesamtbild stimmt, alle spitzigen Unebenheiten in der kontrastreichen Gestaltung der zwielichtigen Charaktere, selbst die etwas einfachen Kontraste zwischen der in dunklen Tönen gehaltenen Gegenwart und den überbelichteten Rückblenden in eine (fast) sorglose Kinderzeit, werden zuletzt in einem runden Ganzen gebündelt.


Der Goalie bin ig

Regie: Sabine Boss

Drehbuch: Pedro Lenz, Jasmin Hoch, Sabine Boss

Darsteller: Pascal Ulli, Michael Neuenschwander, Marcus Signer, Sonja Riesen

Jahr: 2014

Dauer: 88 Minuten

“Der Goalie bin ig ” läuft seit dem 6. Februar 2014 in den Schweizer Kinos.

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