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Hexen, Spione und ein Floh in Paris

Toby Barlow verknüpft in „Baba Jaga“ scheinbar unverbindbare Genres zu einer spannenden Geschichte. Leider kann die Sprache nicht mit den genialen Einfällen des Autors mithalten.

Baba Jaga, die Figur aus der slawischen Mythologie, wird von Toby Barlow ins Paris der fünfziger Jahre versetzt. Ursprünglich eine im Wald lebende alte Frau, unberechenbar, böse und gefährlich, kommt sie im Roman in zwei Versionen vor. Elga verkörpert den Prototyp dieses Fabelwesens, während Zoja eine wunderschöne und scheinbar immer junge Frau ist. Von der Männerwelt gezeichnet benutzen und manipulieren die Zauberinnen aus Osteuropa das andere Geschlecht für ihre eigenen Zwecke.

Zoja verführt mit Hilfe von Zaubern betuchte Kerle und bringt sie, nachdem sie deren Brieftaschen geleert hat, um die Ecke. Als sie ihr jüngstes Opfer brutal ermordet, schickt sie ungewollt die Polizei auf Elgas Fersen. Kommisar Vidot, der den Fall zu lösen versucht, wird von Elga schnurstracks in einen Floh verwandelt und beschreitet fortan als Ermittler mit einer neuen Perspektive die Strassen von Paris. Zornig wegen Zojas Missgeschick, beschliesst Elga die ehemalige Weggefährtin aus dem Weg zu räumen. Und als wäre dies nicht genug, verliebt sich Zoja in Will, einen amerikanischen Werbetexter, welcher für die CIA arbeitet.

Obschon die Geschehnisse phantastisch und zunächst kaum kompatibel erscheinen, kombiniert Toby Barlow die Genres zu einer unvorstellbar spannenden Geschichte. Durch historische Begebenheiten, wie die russische Immigration in den Nachkriegsjahren nach Paris oder die Einvernahme der kulturellen Oberschicht durch die CIA, erhält die Geschichte auch eine realistische Note. In seinem zweiten Roman bringt der Creative Director einer Werbeagentur geschickt Spionagethriller, Liebesgeschichte und Märchen zusammen. Die verschiedenen Figuren erhalten jeweils eigene Kapitel, was dem Leser unterschiedliche Perspektiven aufzeigt und ihn die Motivation der Protagonisten klar erkennen lässt. Die Fragmente laufen zu einem immer spannender werdenden Höhepunkt hinaus.

Trotz der Hexen und den Geheimelementen wird zuletzt deutlich, dass es sich bei „Baba Jaga“ eigentlich nicht um ein Märchen oder einen Spionageroman handelt. Vielmehr geht es um die Beziehung zwischen den Geschlechtern und um den Lauf der Zeit. So sind etwa die Erlebnisse des Kommissars Vidots besonders anregend. Durch die Verwundbarkeit als Floh, muss er seine eigene Verwundbarkeit als Mann erfahren. Zudem kämpft er mit einem neuen Zeitempfinden.

Das Schicksal ist so launisch wie ein Betrunkener am Klavier,

pflegt zwar jeweils Elga zu sagen, aber dennoch gibt sich Vidot dessen Launen nicht geschlagen und versucht anders als Kafkas Gregor Samsa das Beste aus seiner Situation als Insekt zu machen. Die langsam alternden Hexe Zoja muss wie der Protagonist in Simone de Beauvoirs „Alle Menschen sind sterblich“ mit den Themen Vergänglichkeit und Liebe umgehen, doch sie bleibt dabei häufig unbeschwert. Dies muss sich Barlow aber auch als Kritik gefallen lassen. Weil der Roman grosse Fragen anschneidet, sich selbst aber nie ganz ernst nimmt, wirkt er etwas oberflächlich.

Auch die Sprache des Autors wird der grossartigen Geschichte nicht immer gerecht. Gut geschrieben ist „Baba Jaga“ zwar allemal, aber wirklich schön ist die Sprache nie. „Baba Jaga“ bietet also keine hochstehende Literatur, unterhaltsam und komisch ist die Erzählung von Hexen, Agenten und Liebe im pulsierenden Paris der fünfziger Jahre trotzdem.


Toby Barlow: Baba Jaga. Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini. Atlantik, Hamburg, 539 S.

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