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Ewiges Scheitern von Utopien

In seinem kürzlich übersetzten Roman „Der Garten der Dissidenten“ zeichnet Jonathan Lethem das Bild dreier Generationen von linkem Radikalismus in Amerika. Utopien und Enttäuschungen drohen Beziehungen zerbrechen zu lassen.

Rose Zimmer steht im Zentrum des Romans. Die Tochter jüdischer Osteuropäer ist eine passionierte Genossin der Kommunistischen Partei Amerikas. Nachdem ihr deutsch-jüdischer Mann Albert aus bürgerlichem Elternhaus gegen Ende der 50er-Jahre von den Apparatschiks als Spion in die DDR geschickt wird, lebt sie als alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter Miriam in den kommunistischen Sunnyside Gardens, einer utopischen Gartensiedlung in Queens, New York. Rose ist Vorkämpferin der Partei, stets im Mittelpunkt und individualistisch, wenn es sein muss.

Als sie eine Affäre mit einem schwarzen Polizisten beginnt, wird sie aus der Partei ausgeschlossen. Fortan kann Rose nur noch mit ihrer Tochter Miriam streiten. Als sie diese im Teenageralter beim versuchten Geschlechtsakt erwischt, drückt die melodramatische Rose deren Kopf gemeinsam mit dem eigenen in den Backofen und droht sie beide zu vergasen.

Die Ofenszene zeigt, dass Rose sich nie von der Vergangenheit – sei es die ihrer jüdischen Vorfahren in Europa oder der eigenen mit mit dem Rauswurf aus der Partei – hat lösen können. Frühere Zeiten sind immer gegenwärtig. Gleiches gilt für das Amerika des zwanzigsten Jahrhunderts, welches Rose mit ihrem eigenen Leben vergleicht:

Was war Roses gescheiterte Ehe anderes als der Beweis, dass im Gegensatz zur grossen Fabel der amerikanischen Geschichte die Ketten Europas niemals abzustreifen waren?

Miriam flüchtet sich vor der erdrückenden Mutter in die New-Age Bewegung, nur um später noch radikaler zu werden und 1980 nach Nicaragua zu gehen, um die Sandinisten zu unterstützen. Für Miriams Folgegeneration bleibt nur noch die Occupy-Bewegung.

Zwar findet sich im Roman ein ganzes Jahrhundert politischer Ereignisse, aber viel mehr strickt Jonathan Lethem die Geschichte einer Familie, welche den amerikanischen Kommunismus begleitet. Weltanschauen werden nicht bewertet und Perspektiven werden viele gezeigt. In New York treffen bürgerliche, kommunistische, jüdische und schwarze Milieus aufeinander. Die Spannungen, welche durch politische Tätigkeit und menschliche Beziehungen entstehen, bilden vielmehr das Kernstück dieses sozialkritischen Werkes. New York mit dessen Patchwork-Einwohnern bietet den Schauplatz. Unweigerlich wird man an die tragikomischen Geschichten Woody Allens erinnert.

In „Der Garten der Dissidenten“ erzählt Jonathan Lethem rasant von den ewigen Niederlagen politischer Ideale und wie sie die Menschen, welche sie erleiden müssen, kennzeichnen. In einer von Metaphern strotzenden Sprache bringt Lethem die Realität so auf den Punkt, dass es den Leser bisweilen fast schmerzt.


Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Tropen, Stuttgart. 476 S.

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