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Vor dem Fest: Voller Tragik und Leben

Letzte Woche gewann mit dem kürzlich erschienenen “Vor dem Fest” das zweite Werk von SaÅ¡a StaniÅ¡ić den renommierten Leipziger Buchpreis. Laut der Jury habe es StaniÅ¡ić geschafft „ein Dorf aus Sprache“ zu schaffen und bezeichnet das Buch als „furioser Chorgesang aus Prosa“. Das ist es tatsächlich. Eine Liebeserklärung von Andrin Eichin.


Ich beginne gleich mit einem Geständnis: Als ich StaniÅ¡ić’ neustes Werk nach Hause trug, meldete sich eine leise Befürchtung, die Befürchtung, dass ich – ganz egal wie “Vor dem Fest” sein würde – das Buch nicht mit der nötigen Distanz werde lesen können. Dazu hatte SaÅ¡a StaniÅ¡ić mit “Wie der Soldat das Grammofon repariert” ein allzu gutes Buch geschrieben. Eines das berührt, verzaubert, entführt, schwelgen, weinen und losprusten lässt. Eines das von einer wunderbar leichtfüssigen und magischen Sprache geprägt ist. Kurz: SaÅ¡a StaniÅ¡ić hat sich bereits mit seinem ersten Werk in mein Herz geschrieben. Bis heute ist es mein Lieblingsbuch. Auch nach “Vor dem Fest”.

Meine anfänglichen Befürchtungen zerstreuten sich jedoch bald. Denn “Vor dem Fest” ist zwar eine ganz andere Art von Buch als StaniÅ¡ić Erstlingswerk, aber nicht minder aussergewöhnlich. Es ist ein Buch voller Geschichten und Geschichte, voller Alltag und Erwartung, ein Buch voller Tragik und Leben. “Vor dem Fest” spielt in einer Nacht. Es ist die Nacht vor dem Annenfest in Fürstenfelde, einem Dorf, das ihr früheres Stadtrecht aber bereits vor Hunderten von Jahren versoff, nahe Templin, Uchtermark; Ex-DDR, tiefste Provinz.

„Es gehen mehr tot, als geboren werden“ hier in Fürstenfelde. Gemeinsam mit Stanišić hören, sehen und spüren wir, wie die Alten und die wenigen planlosen und ganz wenigen hoffnungsvollen Jungen gemeinsam vereinsamen. Trotzdem finden wir hier, durch die Augen der Bewohner und die Worte des Fabulierers Stanišić, ein Sammelsurium an Geschichten, eine Fundgrube kleiner und grosser Momente sowie einen Ort, der – allem Bevölkerungsschwund, aller Tragik, Einsam- und Hoffnungslosigkeit zum Trotz – voller Leben, Zusammenhalt und Wärme sein kann. Wenn man es dann nur zu sehen und finden vermag. Der Alltag von Stanišić’ Figuren seziert leise die Realität des Dorfes, seine Psychologie und Gefühlswelt. Da ist Herr Schramm, der ehemalige Offizier der Nationalen Volksarmee, heute Rentner mit Haltung und Haltungsschaden. Frau Schwermuth ist die manchmal etwas niedergeschlagene, dann quicklebendige Chronistin und Geschichtenerfinderin des Dorfes, die sich in ihren eigenen Erzählungen verirrt. Oder Ditzsche, ehemals Dorfpostbote, heute Einzelgänger, Hühnerzüchter, eventuell Weltklassetänzer und Stasi-Schwein. Und alles wird vom Gesamtblick begleitet. Denn auch Saša Stanišić ist in seiner Geschichte ein Teil des Dorfes. Er ist das Kollektivgefühl, die Seele des Dorfes, die Stimme, die unsere Wahrnehmung leitet und bestimmt.

Stanišić schafft mit seinen kleinen Erzählungen ein Diaporama eines Zusammenlebens, das man heutzutage wohl nur noch selten findet. Einen Ort, an dem die Vergangenheit allgegenwärtig ist, vielleicht gerade weil die Gegenwart so halt- und formlos erscheint. Mit Sätzen, deren Aussage man spüren und fühlen kann, vermittelt Stanišić ein dichtes und tiefgreifendes Bild einer Gemeinschaft, geschaffen aus einer Vielzahl von Individualcharakteren. Allgemein kreiert die Ausdrucksweise und die Sprache von Stanišić eine Nähe und Präsenz, die seinesgleichen sucht.

Zweifelsohne ist StaniÅ¡ić’ neues Werk ein grosser Roman, trotzdem hat “Vor dem Fest” das Erstlingswerk in meiner persönlichen Bücherhitparade nicht ablösen können. Das Zusammenspiel von kindlichem Unverständnis, den irrationalen Konsequenzen und der Tragik des Bosnienkonflikts sowie die wunderbar phantastische Art und Weise wie Aleksandar seine Kindheitsidylle und die alles zersetzende Kraft des Bosnienkriegs in “Wie der Soldat das Grammofon repariert” beschrieb bleibt unerreicht. Jedoch ist der Anspruch von Vor dem Fest auch ein ganz anderer und das ist gut so. “Vor dem Fest” ist ein grandioses Buch und StaniÅ¡ić hat damit bewiesen, dass er es vermag seinem Stil treu zu bleiben ohne stehenzubleiben, es schafft sich als Schriftsteller stilistisch und erzählerisch weiterzuentwickeln sowie neue Herausforderungen und Thematiken zu bearbeiten. SaÅ¡a StaniÅ¡ić hat wahrlich ein Dorf aus Sprache geschaffen. Und ich habe seit kurzem einen neuen Lieblingsautoren.

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