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Wahnsinn und Sinn

„Kontrollpunkt“ von David Albahari ist vor genau einem halben Jahr auf Deutsch übersetzt worden. Der Autor versucht nicht den Krieg zu erklären, sondern macht den Wahnsinn desselben zum Thema.

Jemand ergibt sich, weil er Gnade erwartet, aber statt dessen wird er ohne die geringsten Gewissensbisse in den Tod geschickt. Dieser Satz klingt nicht gut, dachte der Kommandant, von welchem Ende, man ihn auch liest.

Die Selbstreflexivität des Textes ist wohl auch durch David Albaharis persönlichen Bezug zum Jugoslawien-Konflikt zu erklären. Anders als in seinen früheren Werken, wo er das Thema nur angeschnitten hat, nimmt er das Thema nun explizit ins Visier. Die Vorliebe für unerklärlich beklemmende Situationen des Autors ist schon von aus „Die Ohrfeige“ bereits bekannt und auch in Kontrollpunkt geraten die Protagonisten in solch ein tragisches Konstrukt.

Ein Kommandant wird mit seinen Reservisten zu einem Kontrollpunkt im Wald geschickt, doch keiner von ihnen weiss, wen sie belauern sollen. Ebenso sind die Feinde und Gründe für den Krieg unbekannt. Schon durch diese Tatsache ist der Wahnsinn des Krieges entlarvt. Doch auf die Sinnlosigkeit folgt alsbald auch die Grausamkeit. Auf den menschlichen Alltag der Soldaten treffen Vergewaltigungen, Morde und Flüchtlinge, bis am Ende nur noch der Protagonist Mladen am Kontrollpunkt ist. Doch plötzlich findet er sich in seiner Wohnung wieder, von wo er per Telefon an einer Reality-Show teilnimmt. Die Surrealität ist plötzlich Tatsache und der Leser geschockt.

Der Wir-Erzähler – nicht gleichzusetzen mit dem Protagonisten – kann über den Krieg philosophieren, verliert sich aber im Verlaufe des Romans, was der verzerrten Wirklichkeit des Krieges entspricht. Durch unzählige intertextuelle Bezüge erschafft David Albahari eine einzigartige und surreale Mischung zwischen “Apokalypse Now” und Kafka, welche der Grausamkeit des Krieges mit einer tragischen Komik begegnet. Seine fiktionale Geschichte lässt dies zu, während reale Kriegsliteratur oft mit Detailrealismus aufwartet.

Mirjana und Klaus Wittmann, welche für ihre Ãœbersetzung von Albaharis Roman “Mutterland” 2006 den Brücke-Berlin-Preis erhalten haben, sind mit ihrer Ãœbersetzung dem herausragenden Werk David Albaharis  auch sprachlich gerecht geworden.


David Albahari: Kontrollpunkt. Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann. Schöffling & Co, Frankfurt a. M., 179 S.

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